Ricarda hat noch einen weiten Weg vor sich, aber den Anfang hat sie schon geschafft.Bild: LWL/Seifert

05.03.2021: „Ich will mein Leben zurück!“


Junge Menschen mit Essstörungen suchen vermehrt Hilfe in der LWL-Klinik Marl-Sinsen

 „Ich will mein Leben zurück! Deshalb bin ich hier“, so beschreibt Ricarda Schwarz (Name geändert) ihre Motivation für eine stationäre Therapie. Die 17-Jährige ist Patientin in der Marler Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Ihre Diagnose: Anorexia Nervosa, auch als Magersucht bekannt. Ihr Gewicht bei der Aufnahme: 38 Kilo bei einer Größe von 1,75 Meter. Daran, dass sie massiv abgenommen habe, trage auch die Corona-Pandemie einen Anteil, so Ricarda. So wie ihr geht es inzwischen zahlreichen Jugendlichen: Die LWL-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie verzeichnet in der Corona-Pandemie eine Steigerung der Zahl von Magersucht-Patientinnen.

„Die Zunahme der Magersuchtsfälle zeigt, wie Coronafaktoren und die typischen Ursachenbündel an der Entwicklung einer psychischen Störung zusammenwirken“, erklärt LWL-Krankenhausdezernent Prof. Dr. Meinolf Noeker. „Wenn unter Corona alles andere wegbricht, wird das Kümmern um das eigene Aussehen zur einzig verbliebenen, aber gefährlichen Quelle für Zuwendung, Erfolgserlebnis und Sinn“, so Noeker. „Eine solche Verengung und Verzerrung des eigenen Blicks wäre bei vielen Betroffenen vielleicht auch ohne Corona passiert, aber Corona lässt sie schneller in einen solchen Sog hineingeraten und lässt die Spirale dann um so schneller drehen“, erläutert Noeker, der auch approbierter psychologischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut ist.
 
Diese Beobachtung, habe sie selbst auch schon in ihrem Arbeitsalltag gemacht, so Dr. Christiane Abdallah, Oberärztin in der LWL-Klinik Marl-Sinsen. „Wir erleben hier einen starken Anstieg von Patientinnen und Patienten, die mit einem Gewichtsverlust von 15 bis 20 Kilo innerhalb weniger Monate in unsere Klink kommen.“

So erging es auch Ricarda. Sie war mit 85 Kilogramm leicht übergewichtig und wollte eigentlich nur ein paar Kilos abnehmen, mit Sport und gesunder Ernährung. Das klappte auch sehr gut. Neben der Schule und dem Treffen mit Freunden standen jetzt der Besuch des Fitness-Studios und einige Jogging-Einheiten auf ihrem Wochenplan.  Als hiervon nur noch die Jogging-Runden und das Distanzlernen übrigblieben, fühlte Ricarda sich zunehmend schlecht. „Ich hatte das Gefühl, dass mir die Kontrolle über mein Leben entgleitet, dass ich fremdbestimmt bin. Außerdem fehlte mir das Gefühl, dass ich etwas geleistet habe. Beides habe ich mir dann durch das ständige Abnehmen geholt.“ Den ganzen Tag zu hungern empfand Ricarda als Leistung und den ständig sinkenden Wert auf der Waage als Zeichen ihrer Kontrolle.

Als hier eine Zahl unter 40 Kilo erschien, schlugen ihre Eltern Alarm und auch Ricarda merkte, dass ihr Körper langsam seine Funktionen einstellte. „Ich konnte nur noch wenige Meter joggen, war antriebslos, habe ständig gefroren. Mir war klar, wenn ich jetzt nichts unternehme, werde ich sterben.“ Einen Monat ist die junge Frau jetzt in stationärer Therapie. Einige Kilos hat sie bereits zugenommen. Es sei eine Erleichterung, dass sie nicht länger Kalorien zählen und Mahlzeiten zusammenstellen müsse, so Ricarda. Überhaupt habe sich ihre Stimmung merklich verbessert. „Ich konnte schon wieder viel häufiger lachen als zu Hause.“ Trotzdem vermisst sie ihre Familie und ihren Freund. Aber die 17-Jährige hat einen neuen Plan: „Wenn ich wieder gesund bin, gehe ich mit meinen Freunden ins Freibad und esse eine Pommes-Curry-Wurst. Ganz ohne schlechtes Gewissen!“

Hintergrund
Die LWL-Klinik Marl-Sinsen verfügt über zwei Spezialstationen auf denen Patientinnen und Patienten mit einer Essstörung therapeutische Hilfe erhalten. Hier lernen die jungen Menschen unter anderem wieder eine normale Mahlzeit einzuschätzen, Zum therapeutischen Angebot gehören unter anderem Einzel- und Gruppentherapien, ein soziales Kompetenztraining sowie unterschiedliche Fachtherapien wie Kunst- Musik- und Reittherapie. Falls erforderlich erfolgt eine medikamentöse Behandlung. Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Therapie ist die Elternarbeit. So nehmen die Bezugspersonen zum Beispiel an Elterngesprächen teil und haben die Möglichkeit auf der Station oder in den Fachtherapien zu hospitieren.