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Informierten gemeinsam mit Dr. Rüdiger Haas beim Haard-Dialog: Judith Eschbach, Ulrich Tomalla, Christine Lawaczeck-Matkares und Daniel Erxmeier. Bild: Ina Fischer

07.11.2019 Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl

LWL-Experten informieren im Haard-Dialog über Selbstverletzendes Verhalten

Selbstverletzendes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen war das Thema beim 10. Haard-Dialog in der Marler Fachklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Rund 160 Interessierte hatten sich am Dienstag im Festsaal der Klinik eingefunden um Informationen zu erhalten und mit den LWL-Experten ins Gespräch zu kommen.

Ihm sei durchaus klar, dass es für Eltern schwer auszuhalten ist, wenn ihre Kinder sich selbst verletzen, so Dr. Rüdiger Haas, Ärztlicher Direktor der LWL-Klinik Marl-Sinsen. Aber je nach Art der Selbstverletzung sei nicht immer eine Therapie notwendig. „Das sogenannte Ritzen, bei dem sich die Betroffenen oberflächliche Schnittwunden zufügen ist oftmals ein jugendtypisches Verhalten“, so Haas. Es betreffe häufiger Mädchen als Jungen, zeige sich manchmal schon im Grundschulalter, nehme ab einem Alter von etwa 12 Jahren zu und klinge im jungen Erwachsenenalter wieder ab.

Manchmal diene eine Selbstverletzung dazu, unangenehme Gefühle zu überdecken oder den eigenen Körper zu spüren. Der Fachbegriff hierzu lautet „Emotionsregulationsstörung“. „In vielen Fällen geht es auch um Abgrenzung z. B. vom Elternhaus und Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Die Jugendlichen laden ein Bild vom eigenen Arm mit Ritzspuren in die sozialen Medien hoch und bekommen sofort Kommentare zurück“, so Haas. Diese Aufmerksamkeit und die oftmals positiven Kommentare bestärken die jungen Menschen in ihrem Handeln.
Selbstverletzungen können aber auch ein Signal dafür sein, dass ein Jugendlicher nach Zuwendung oder Hilfe sucht. Vielleicht weil er oder sie gemobbt wird oder ein traumatisches Erlebnis hatte. „Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl,“ so lautete der Rat des Kinder- und Jugendpsychiaters an besorgte Eltern, „und suchen Sie sich Hilfe, wenn Sie das Verhalten ihres Kindes beunruhigt.“

Dass es neben dem Ritzen auch schlimmere Formen der Selbstverletzung gibt, wie sich bis auf den Knochen zu schneiden oder sich Verbrennungen beizubringen, berichtete Christine Lawaczeck-Matkares, bereichsleitende Ärztin in der LWL-Klinik Marl-Sinsen. Ihrer Erfahrung nach werden Selbstverletzungen sehr häufig bei jungen Patienten beobachtet, die an einer depressiven Episode leiden oder ein traumatisches Erlebnis noch nicht verarbeitet haben.

Den Zusammenhang zwischen einem solchen Trauma wie zum Beispiel einer Missbrauchserfahrung und Selbstverletzendem Verhalten konnte auch der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Daniel Erxmeier bestätigen. „Oft machen diese Selbstverletzungen erst auf das Trauma aufmerksam“, so Erxmeier. Dann diene dieses Verhalten entweder dazu, dem immer wiederkehrenden Gedanken zum Beispiel an einen Missbrauch zu entfliehen oder sich aus Scham, Ekel oder Wut selbst herabzuwürdigen.

Wie Jugendliche Alternativen zu selbstverletzendem Verhalten erlernen können, darüber berichteten Judith Eschbach und Ulrich Tomalla vom Pflege-und Erziehungsdienst der LWL-Klinik Marl-Sinsen. Dabei gehe es darum, bestimmte Techniken, sogenannte Skills, zu erarbeiten, die anstelle der Selbstverletzung angewendet werden. „Das kann ein Ammoniakstäbchen sein, an dem ich rieche, oder die sportliche Aktivität, mit einem Rucksack voller Wasserflaschen die Treppe rauf-und runterzulaufen“, so Judith Eschbach.

Sehr wichtig sei es, die richtige Haltung zu den Betroffenen zu entwickeln, erklärte Ulrich Tomalla: „Unsere Patienten können hier in der Therapie nicht versagen. Sie geben ihr Bestes. Selbst wenn es zu einem Rückfall kommt, dann war es das Beste, was sie gerade geben konnten. Vorwürfe oder Enttäuschung wären hier völlig fehl am Platz. Wir bleiben ruhig, verbinden die Wunde und arbeiten einfach weiter daran, dass sie beim nächsten Mal einen Skill einsetzen können. Das ist auch wichtig für Eltern, ihre Kinder nicht zu verurteilen, sondern sich Hilfe zu suchen, wenn es der Bauch sagt.“