Zwei, die sich verstehen: Roman Schamel und Tulip Bild: LWL/Seifert

11.05.2020: Tulip-ein Eisbrecher auf vier Pfoten

Junge Patienten genießen Therapie-Zeit mit bretonischem Spaniel – LWL-Tagesklinik ist wieder geöffnet

Wenn Roman Schamel morgens zur Arbeit fährt, macht sich auch Tulip bereit. Die Hundedame begleitet ihr Herrchen täglich zur Coesfelder Tagesklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Hier arbeiten die beiden sozusagen Hand-in-Pfote, wenn es um die Gesundung der jungen Patienten geht.

„Früher war ich der Therapeut. Heute bin ich der mit dem Hund“, amüsiert sich Roman Schamel über die Aufmerksamkeit, die seinem kleinen Co-Therapeuten zuteil wird, „aber im Ernst“, so Schamel weiter, „Tulip ist ein sehr ruhiger und feinfühliger Hund, der sich glücklicherweise auch super gerne kraulen lässt. So übernimmt er oft die Rolle eines Eisbrechers für mich.“ Alleine seine Anwesenheit trage schon zu einer entspannten Atmosphäre bei. „Junge Patienten, die zu Beginn einer Therapiesitzung oft noch sehr aufgeregt oder verschlossen sind, werden zugänglicher und lassen sich auf die Therapie ein“ erklärt der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Das habe auch eine biochemische Ursache. Beim Kraulen schütte der menschliche Körper Oxytocin aus. Dieses sogenannte Kuschelhormon entspannt und senkt den Pegel des Stresshormons Cortisol.

Doch Tulip kann noch viel mehr. „Zu mir kommen oft junge Menschen, die aufgrund einer traumatischen Erfahrung zum Beispiel in Bezug auf Mobbing oder einen sexuellen Übergriff, Schwierigkeiten haben, Grenzen zu setzen.“ Dieses Problem kennt auch Klara (Name geändert). Mit der 12-Jährigen übe er, Tulip klar zu signalisieren, wann ihre Nähe erwünscht ist und wann nicht. „Zu sehen, dass sich ein Lebewesen nach ihren Vorgaben richtet, das ist eine gute Selbstwirksamkeitserfahrung für Klara und gibt ihr auch Sicherheit für andere Situationen“, so Schamel. Manchmal sind Kuscheleinheiten mit Tulip auch einfach eine Belohnung für eine Herausforderung, der sich die jungen Patienten gestellt haben. Dabei dauern die Therapieeinheiten, die Tulip begleitet, nicht länger als eine halbe Stunde. So wird auch der Vierbeiner vor übermäßigem Stress geschützt.

Im Moment absolvieren der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut und Tulip eine Ausbildung zum Therapiebegleithund-Team. In ihrer Freizeit ist die Spaniel-Dame gerne auf dem SUP (Stand-Up-Paddleboard) unterwegs. Auch den Jakobsweg von Münster nach Coesfeld ist sie schon gewandert – natürlich immer in Begleitung ihres zweibeinigen Freundes Roman Schamel.


Hintergrund

Ab dem 11. Mai ist die LWL-Tagesklinik Coesfeld wieder für junge Patienten mit psychischen Erkrankungen geöffnet. Für entsprechende Vorsichtsmaßnahmen im Hinblick auf die Corona-Pandemie ist gesorgt. Das Team trägt einen Mund-Nasen-Schutz und auch für die jungen Patienten stehen Masken bereit. Die Patientenzahl wird bis auf Weiteres auf sechs Kinder und Jugendliche beschränkt.

Als eine von sechs tagesklinischen Einrichtungen der LWL-Klinik Marl-Sinsen bietet die LWL-Tagesklinik Coesfeld im Normalfall mit 12 Behandlungsplätzen professionelle Hilfe für Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen im Alter von sieben bis achtzehn Jahren. Dabei nehmen die jungen Patienten tagsüber an unterschiedlichen Therapieangeboten teil und besuchen die Schule innerhalb der Tagesklinik. Am Abend geht es dann zurück in die Familie. Im Durchschnitt bleiben die Kinder-und Jugendlichen drei Monate in der tagesklinischen Behandlung. Ist eine Weiterbehandlung notwendig, erfolgt diese bei niedergelassenen Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten oder in der Ambulanz der Coesfelder LWL-Tagesklinik.