„Es gibt nicht den typischen Autisten oder die typische Autistin“

Welt-Autmismus-Tag - Interview mit Diplom-Psychologe Marco Tmmerhinrich

Verständnis fördern, aufklären, aufmerksam machen – das ist das Ziel des Weltautismustages, der dieses Jahr unter dem Motto „I can learn. I can work“ steht. Zu diesem Anlass haben wir mit unserem Kollegen Marco Timmerhinrich gesprochen. Der Diplom-Psychologe ist unter anderem zuständig für die spezielle Autismus-Diagnostik an der LWL-Klinik-Marl Sinsen und erklärt, warum es so schwerfällt, das Störungsbild wirklich zu verstehen, mit welchen Vorurteilen Autisten oftmals konfrontiert werden und ob Autisten Gefühle haben.

Autismus – den Begriff hat wohl jeder schon einmal gehört. Aber was genau ist darunter zu verstehen?

„Das ist gar nicht so einfach zu erklären. Wichtig ist: Es gibt nicht den typischen Autisten oder die typische Autistin. Lernt man zehn Menschen mit Autismus kennen, wird man sehr schnell merken, dass diese vollkommen verschieden sind. Es handelt sich bei dieser tiefgreifenden Entwicklungsstörung also um ein sehr heterogenes Konstrukt, bedeutet: Je nach Form und Schweregrad äußert sich Autismus sehr individuell bei den Betroffenen. Allgemein gesagt, hat die Erkrankung immer etwas mit einer Störung der Informations- und Wahrnehmungsverarbeitung zu tun. Dadurch kommt es zu Schwierigkeiten im sozialen Miteinander und in der sozialen Kommunikation, sowie zu gewissen Verhaltensweisen, die auffällig sind.

Wie genau äußern sich diese Schwierigkeiten?

Nun ja, Autisten haben eine ganz eigene Wahrnehmung, eine ganz eigene Sichtweise. Dass andere Menschen nicht so denken wie sie, ist für sie nur schwer nachvollziehbar. Betroffenen fällt es beispielsweise schwer, Gesichtsausdrücke zu deuten. Ob jemand Trauer, Freude oder Wut empfindet, können sie nicht einschätzen. Ebenso verstehen autistische Menschen oftmals Metaphern oder Ironie nicht. Sie reagieren daher nicht so, wie ihr Gegenüber es in dem Moment vielleicht erwartet. Das macht die alltägliche Interaktion mit anderen Menschen sehr schwierig. Man muss aber immer schauen, von welcher Form des Autismus man spricht. Denn da gibt es sehr große Unterschiede.

Welche Formen des Autismus gibt es?

In der Regel unterscheiden wir zwischen frühkindlichem Autismus, atypischem Autismus und dem Asperger-Syndrom, die unter dem Oberbegriff der Autismus-Spektrum-Störung geführt werden. Frühkindlicher Autismus geht oftmals mit einer geistigen Intelligenzminderung einher. Betroffene sprechen zum Beispiel oftmals nicht und sind in ihren kognitiven Fähigkeiten stark eingeschränkt. Menschen mit dem Asperger-Syndrom dagegen haben meist keine Schwierigkeiten mit der sprachlichen Entwicklung, gehen normal zur Schule und schließen auch Freundschaften – auf ihre ganz eigene Art und Weise.

Es gibt also nicht das eine Symptom, dass ohne Zweifel auf Autismus hinweist?

Selbstverständlich gibt es klassische Symptome, die auf eine Autismus-Erkrankung hinweisen können. Das Vermeiden von Blickkontakt, wenig Interesse an der Umwelt, stereotype, also sich wiederholende Verhaltensweisen, ein auffälliges Insichgekehrtsein – all das können Anzeichen sein. Aber: Nur, weil ein Kind keinen Blickkontakt hält, muss das nicht heißen, dass es Autismus hat. Auch sozial ängstliche Kinder schauen anderen nicht gerne in die Augen. Kinder mit ADHS konzentrieren sich in dem Moment vielleicht auf andere Dinge und halten dadurch keinen Blickkontakt. Bei der Diagnose geht es daher neben der Analyse von Fremdbeobachtungen aus dem sozialen Umfeld und der strukturierten Beobachtung des Patienten auch immer um den systematischen Ausschluss anderer Erkrankungen.

Wenn die Diagnose dann gestellt wird – wie reagieren Eltern in der Regel?

Das ist sehr unterschiedlich. Tatsächlich erlebe ich oft, dass die Eltern erleichtert sind. Denn die Diagnose bedeutet, dass es eine Erklärung für das Verhalten des Kindes gibt. Viele Familien haben bereits einen langen Leidensweg hinter sich, wenn sie zu uns kommen. Bisherige Therapien und stationäre Aufenthalte haben nichts gebracht, die Eltern haben die Schuld lange bei sich gesucht. Eine Diagnose kann daher etwas Entlastendes haben, man weiß endlich, was los ist. Aber auch hier muss man wieder unterscheiden: Eltern, die erfahren, dass ihr Kind an frühkindlichem Autismus erkrankt ist und wahrscheinlich niemals sprechen kann, empfinden eine solche Diagnose natürlich anders.

Wie geht es dann weiter, welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

In der Klinik stellen wir nur die Diagnose. Die Therapie findet dann in der Regel in speziellen Autismus-Therapiezentren statt. Hier trainieren die Betroffenen unter anderem ihr Sozialverhalten, um besser mit ihrer Umwelt zurechtzukommen. Sie lernen, Gefühle anderer Menschen zu erkennen und auch, die Diskrepanz zwischen ihrem Erleben und dem Erleben anderer besser zu verstehen. Auch das Umfeld wird in den Therapieprozess einbezogen. Eltern müssen sich bewusstwerden, dass sie mit einem autistischen Kind anders umgehen müssen. Für Autisten ist Struktur sehr wichtig, ein Tagesplan. Ein spontaner Arztbesuch beispielsweise kann da zum Problem werden. Ich kenne Eltern, die ihr Kind bereits Tage zuvor auf einen Zahnarztbesuch vorbereitet haben. Sie haben mit ihm die Praxis im Vorfeld besucht und sich dort mit ihm alles angeschaut, um ihn nicht zu überfordern. Nochmal: Autistische Kinder und Jugendliche denken anders. Das muss ihr Umfeld berücksichtigen.

Mit welchen Vorurteilen werden Autisten aufgrund ihrer besonderer Verhaltensweisen oftmals konfrontiert?

Das Störungsbild Autismus ist sehr komplex und dadurch nur schwer greifbar. So entstehen viele Vorurteile. Es gibt natürlich auch bestimmte Prototypen wie die Umweltaktivistin Greta Thunberg oder den fiktiven Charakter Sheldon Cooper aus der Serie Big Bang Theory – dadurch entsteht ein verzerrtes Bild der Erkrankung. Wie bereits anfangs erwähnt: Jeder Mensch mit Autismus ist anders. Ein gängiges Bild von Autisten ist das eines Roboters, der nur rational denkt und keine Gefühle hat. Ich weiß zwar nicht, wie es im Innenleben meiner Patienten aussieht – aber natürlich haben diese Gefühle. Auch Autisten haben Interesse an Partnerschaft und Familie – sie haben nur ein anderes Verständnis davon. Ich finde es sehr wichtig, nicht immer nur diese defizitäre Perspektive einzunehmen. 

 

Text: Alexandra Hekel